Wahlkampf für fairen Handel mit dem Süden
Eine-Welt-Laden
beteiligte sich an Aktion für gerechten Handel mit Entwicklungsländern
Viele mögen sich über die seltsame Verwandlung der zahlreichen Wahlplakate
gewundert haben. Schon einen Tag nach dem 22. September prangten statt der
Gesichter der Polit-Prominenz bunte Kaffeetassen, die für "fairen
Kaffee" warben, von den Ständern der Wahlplakate. An der bundesweiten
Plakat-Aktion "Wahlkampf für den Fairen Handel" hatten sich
Eine-Welt-Läden, darunter auch der Eine-Welt-Laden in Vilsbiburg - und
Agenda-Gruppen beteiligt. Am Sonntag zog der Gemeindereferent der katholischen
Stadtpfarrei, Gerhard Valentin, im Rahmen des Eine-Welt-Frühstücks Bilanz,
erklärte die Ziele der Aktion und rief zum Kauf "fairer Produkte“ auf.
Ziel sei es nicht, sofort Entscheidungen zu treffen, betonte Gerhard Valentin an
die anwesenden Stadträte und den Bürgermeister gewandt. Vielmehr sollten in
der Gesprächsrunde beim Eine-Welt-Frühstück ebenso wie durch die
Plakat-Aktion Anregungen zum Umdenken gegeben werden. Über 180 Eine-Welt-Läden
und zahlreiche Agenda Gruppen in der gesamten Bundesrepublik haben sich an der
Plakat-Aktion "Wahlkampf für den fairen Handel" beteiligt. Dabei
wurden noch am Wahlabend des 22. September, als die Wahllokale um 18 Uhr ihre
Pforten schlossen, rund 35 000 Plakate auf die Ständer für Wahlplakate
geklebt. Etwa ein bis zwei Wochen haben die Parteien nach einer Wahl Zeit, ihre
Wahlwerbung von den Straßen und öffentlichen Plätzen zu entfernen. Durch die
Nutzung der vielen und an deutlich sichtbaren Stellen aufgestellten Plakatständer
sollte die Idee des fairen Handels mit den armen und unterentwickelten Ländern
des Südens den Menschen näher gebracht werden. Organisiert wurde die Aktion
vom Dachverband entwicklungspolitischer Aktionsgruppen in Baden-Württemberg,
dem INKOTA-Netzwerk (Ökumenisches Netzwerk entwicklungspolitischer Gruppen im
Osten Deutschlands) und dem Dachverband der Weltläden.
Der Gemeindereferent stellte das Konzept der Weltläden dar: Die 2 500 Weltläden
böten den Menschen in den Entwicklungsländern faire Handelsbedingungen unter
dem Motto "Respekt für Mensch und Umwelt" und hielten dabei eine
Reihe von Kriterien ein:
Menschenwürdige Arbeitsbedingungen würden über den Preis der Produkte und
weitgehende Mitbestimmung der Produzenten ermöglicht. Soziale Absicherung werde
nur durch ein beständiges Einkommen und die Möglichkeit zur Bildung von Rücklagen
gewährleistet. Besonders Frauen und Kinder würden durch ein angemessenes
Einkommen gefördert, erklärte Valentin, denn dadurch könne auf die Mitarbeit
der Kinder bei der Beschaffung des täglichen Bedarfs verzichtet werden. Die
Kleinbauern würden bei der Entwicklung umweltfreundlicher Anbau- und
Herstellungsmethoden beraten. Dadurch werde erreicht, dass sie die Grundlagen
ihrer Erwerbstätigkeit nicht zerstören und Bio-Produkte liefern. Umfassende
Informationen für die Kunden hierzulande gehörten ebenfalls zum fairen Handel,
betonte Gerhard Valentin.
Abwertend, irreführend, verharmlosend und falsch bezeichnete Valentin die
Bezeichnung "Dritte Welt". Erst wenn irgendwo in der so genannten
Dritten Welt etwas passiere, das spürbare Auswirkungen auf die erste Welt der
Industrienationen habe, verdeutliche den Menschen hierzulande, dass es nur eine
Welt gibt.
Täglich werden in Deutschland 320 Millionen Tassen Kaffee getrunken. Viele
Menschen interessierten die Arbeitsbedingungen in den Anbauländern nicht,
kritisierte Valentin. Als Welthandelsgut sei der Kaffee eine Börsenware, deren
Preis nicht nur von schwankendem Angebot und Nachfrage, sondern ebenso von
Spekulation und Profitstreben bestimmt werde. Die Organisation der Weltläden
trage dazu bei, dass Kleinbauern gerechte Preise für ihr Rohprodukt erzielen
aber auch die Arbeitskräfte der großen Kaffeeplantagen angemessene Löhne
erhalten.
Angesichts der zunehmenden
Klimaveränderung seien 1992 bei der Weltklimagipfel in Rio de Janeiro die ökologischen
Rechte und Pflichten der Menschheit diskutiert worden. Gerhard Valentin wies
darauf, hin dass nicht nur Staaten und Organisationen für den Klimaschutz
verantwortlich seien, sondern jeder einzelne etwas dafür tun könne.
Durch den Kauf von fairem Kaffee würden Bauern unterstützt, die Kaffee ökologisch
anbauen. Nicht nur durch den Verzicht auf Dünger und Pflanzenschutzmittel schützten
sie die Umwelt, sondern sie pflanzten auch Bäume und Sträucher. Neben den benötigten
Schatten, so erklärte Gerhard Valentin, böten diese auch Schutz vor
Bodenerosion, denn, festgehalten durch die Wurzeln, werde die dünne fruchtbare
Erdschicht nicht beim nächsten Regenguss fortgespült.
Die Eine-Welt-Läden seien nicht ausschließlich ein Projekt der katholischen
Kirche, sondern es engagierten sich alle Kirchen und Leute, die Interesse an
Entwicklungspolitik haben. Gerhard Valentin wies auf das Engagement
ehrenamtlicher Helfer hin, ohne die es nicht möglich sei, solch ausgedehnte Öffnungszeiten
aufrecht zu erhalten. Geöffnet ist montags bis freitags von 9 bis 12 und von 14
bis 18 Uhr und an Samstagen von 9 bis 12 Uhr.
Im Anschluss an das Referat des Gemeindereferenten diskutierte die Gesprächsrunde
Möglichkeiten, zur Förderung von fairem Kaffee. Dabei wurde unter anderem
vorgeschlagen, Geschenkkörbe der Stadt im Eine-Welt-Laden zusammenstellen zu
lassen.
Text und bild: Andreas Jell, Vilsbiburger Zeitung, 07.10.2002